Ein Kunde hat uns neulich erzählt, dass er auf Bali remote gearbeitet hat, ohne dass sein Arbeitgeber das wusste.
Er hat Claude befragt, wie er ein VPN einrichten kann, sodass es nicht auffällt.
Claude hat gesagt: „Das ist nicht okay von dir."
Der Kunde meinte danach: „Das war das erste Mal, dass eine KI mein Verhalten in Frage gestellt hat."
Warum eine KI Haltung zeigen kann
Was viele nicht wissen: Hinter unterschiedlichen KI-Modellen stehen unterschiedliche Trainingsphilosophien.
OpenAI – das Unternehmen hinter ChatGPT – trainiert seine Modelle vor allem regelbasiert. Es gibt klare Grenzen: Das darfst du sagen, das nicht.
Anthropic – das Unternehmen hinter Claude – geht einen anderen Weg. Dort werden die neuen Modelle auf Basis von Werten trainiert. Nicht: „Du darfst das nicht." Sondern: „Hier ist ein ethisches Prinzip. Wende es auf die Situation an."
Das ist genau die gleiche Frage, die sich in Unternehmen stellt: Führen wir über Regeln oder über Werte?
Regelbasierte Kulturen erzeugen Compliance. Menschen tun, was erwartet wird. Dienst nach Vorschrift.
Wertebasierte Kulturen erzeugen Ownership. Menschen denken mit. Und richten ihr Verhalten danach aus, was auf das große Ganze einzahlt.
Und genau das hat unser Kunde zum ersten Mal bei einer KI erlebt.
Er wurde von einer KI herausgefordert.
Ich wurde von einer KI eingelullt.
Anfangs habe ich ChatGPT benutzt wie die meisten:
„Schreib mir das mal um. Mach das besser. Formulier das professioneller."
Hat funktioniert. Meistens. Irgendwie.
Und dann habe ich gemerkt: Ich höre auf selbst zu denken.
Ich habe in Gesprächen festgestellt, dass ich nicht schlüssig wiedergeben konnte, was sich mit ChatGPT so klar angefühlt hat.
Heute weiß ich: Ich habe mein Denken ausgelagert, ohne es zu merken. Jede Idee war „super". Jede Richtung die richtige. Alles wurde bestätigt.
Das entspricht nicht meinem Naturell. Ich schätze es, gechallenged zu werden. Ich will differenzierte Antworten. Ich will die Graustufen verstehen. Und ich will nach einem Chat schlauer sein, nicht nur produktiv.
Also fing ich an, anders zu fragen. Statt: „Stimmt es, dass Süßstoffe gesundheitsschädlich sind?" Fragte ich: „Inwiefern gibt es Belege dafür, dass Süßstoffe schädlich sind und inwiefern gibt es Belege dagegen?"
Die Antworten wurden differenzierter, ehrlicher, erhellender. Kein Zufall – gute Fragen sind eine Führungsqualität, kein Technik-Skill.
Und dann ging ich einen Schritt weiter. Ich baute mir einen eigenen Agenten: Nero, meinen persönlichen Challenger. Sein Job: mich herauszufordern. Meine Annahmen zu prüfen. Mir beim Denken zu helfen, statt mir das Denken abzunehmen.
Was dabei psychologisch passiert – und warum es uns alle betrifft
Was ich persönlich erlebt habe, hat einen Namen in der Forschung:
Cognitive Offloading.
Wenn eine Maschine jederzeit verfügbar ist, lagern wir nicht nur Aufgaben aus, sondern auch unser Denken. Das ist kein Zeichen von Faulheit. Es ist eine natürliche Reaktion unseres Gehirns auf ein System, das schneller antwortet, als wir denken können.
Du merkst es an kleinen Momenten. Du führst mit KI ein Gespräch über ein Thema, nickst, klingt alles schlüssig. Und zwei Tage später fragt dich jemand danach, aber du kannst es nicht erklären. Nicht weil es kompliziert war. Sondern weil du es nur gelesen hast. Nicht selbst gedacht, nicht gerungen, nicht in eigene Worte gefasst. Unser Gehirn speichert tiefer, was wir uns erarbeiten. Je mehr Anstrengung wir in das Verstehen stecken, desto stärker die Gedächtnisspur.
Es gibt inzwischen Bestrebungen, diese Muster auf Modellebene abzuschwächen. Anthropic arbeitet z.B. an Anti-Sycophancy(Speichelleckerei)-Training – mit messbaren Fortschritten in aktuellen Benchmarks. Aber kein Modell oder Interaktionsdesign gleicht alle Biases aus. Und ehrlich gesagt wäre es auch gefährlich, wenn wir uns darauf verlassen würden.
Die Verantwortung bleibt bei uns.
Die gute Nachricht: Wenn wir wissen, wo die Fallen liegen, können wir unsere Arbeitsweise bewusst gestalten.
Cognitive Offloading ist nur einer von sechs (Denk-)Fehlern, die wir in der KI-Zusammenarbeit besonders häufig beobachten können. Wir haben sie mal mit konkreten Gegenmaßnahmen in einem übersichtlichen Grid zusammengefasst:
→ Hier klicken, um den Guide in hoher Auflösung abzuspeichern.
Was dich gerade bewegt, interessiert uns.
Juliane und ich entwickeln unsere Webinare entlang deiner Fragen und Blockaden rund um KI-Adoption und Leadership. Über aktuelle Termine halten wir dich im Champions.Letter auf dem Laufenden – zusammen mit einem Impuls für mutige Führung, jeden Mittwoch.
- Was ist die nervigste Sache, wenn es um KI in deinem Führungsalltag geht?
- Was funktioniert nicht so, wie du es dir vorstellst?
- Wo hakt es zwischenmenschlich?
Ich bin so gespannt, wie du das Ganze aktuell wahrnimmst. Wenn du magst, schreib uns eine Nachricht. Wir lesen jede Nachricht und antworten persönlich.




