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Der große KI-Abgas-Skandal: Warum Zugang nicht Adoption ist

Der große KI-Abgas-Skandal

Warum KI-Zugang der gefährlichste Selbstbetrug in Unternehmen ist.

Sophie Gacs
Sophie Gacs
Co-Founder & Leadership Coach · The Agile Habit

Herzlich Willkommen zum Champions.Letter!

Der CEO eines großen Finanzkonzerns ist stolz. Jeder im Unternehmen hat Zugang zu einem KI-Tool, das Texte schreibt, Daten sortiert, Recherchen übernimmt. Die Lizenzen sind bezahlt, die IT hat geliefert.

Und dann kommt ein Bühnenauftritt.

50 Führungskräfte im Raum. Eine Frage: Wer von euch nutzt regelmäßig KI?

Eine Handvoll meldet sich.

Das treffendste Bild dafür stammt von einem KI-Verantwortlichen aus einem Finanzkonzern: Dieses Unternehmen hat jedem einen Ferrari vor die Garage gestellt. Schlüssel steckt. Motor läuft. Und wartet nun darauf, dass alle losfahren. Allerdings ohne Tankstellennetz, ohne Fahrschule, ohne ein Wort darüber, wohin die Reise eigentlich gehen soll.

Die Lizenzen sind da. Was fehlt, ist alles drumherum.

Bei einem Facility-Unternehmen im Mittelstand hat ein KI-affiner Teamleiter Bilanz gezogen. Auf unsere Frage: "Was habt ihr in den letzten sechs Monaten getan, um eure Mitarbeitenden mitzunehmen?", antwortet er: "Nichts."

Eine jährliche Pflichtschulung. Danach wird jeder in Ruhe gelassen, oder allein – je nachdem wen du fragst. Und das bei einem Unternehmen, das längst ChatGPT- und Copilot-Lizenzen bezahlt.


Ein Ferrari vor jeder Tür, und trotzdem bewegt sich nichts

Die KI-Bilanz vieler Unternehmen erinnert mich an den Abgasskandal: Die Werte stimmen auf dem Papier. Lizenzen eingekauft, Piloten gefeiert, Infrastruktur steht, die Vorstandspräsentation zeigt grüne Ampeln. Doch auf der Straße sehen wir eine andere Realität. Im Alltag fahren die meisten nostalgisch ihren Trabi spazieren, tippen ihre Daten in Excel-Tabellen und schreiben Meeting-Protokolle.

Warum passiert so wenig, obwohl eigentlich alle verstanden haben sollten, dass KI bleibt?

Ich zeige dir drei Szenen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und dennoch fehlt in jeder dieselbe Zutat.

Der Wartemodus.

"Die anderen sollen erstmal rausfinden, wie es geht, und wenn die ihren Weg gefunden haben, springen wir drauf." So hat es eine Führungskraft wortwörtlich beschrieben. Der Gedanke ist ja nachvollziehbar: Warum selbst Fehler machen, wenn du anderen dabei zuschauen kannst? Weil der eigene Lernprozess sich halt schlicht nicht abkürzen lässt. Die Lernkurve läuft, ob du auf ihr stehst oder daneben. Und die Monate, die dabei vergehen, kommen nicht zurück.

Was fehlt: Eine Führung, die sagt: Wir starten jetzt.

Die Geister-Lizenz.

Ein Mitarbeiter sitzt tagelang an einem Excel-Projekt. Spalten abgleichen, Daten manuell zusammenführen. Sein Kollege schaut irgendwann vorbei und fragt: "Warum nutzt du dafür eigentlich nicht Copilot?" Die Antwort: Er wusste gar nicht, dass er eine Lizenz hat. Am Ende investieren Mitarbeitende Tage in etwas, das ihr Unternehmen längst eingekauft hat. Beschaffung ohne Befähigung ist eben Dekoration. Und echte Befähigung lässt sich nicht in einer Tool-Schulung abhaken – sie funktioniert eher wie Führung als wie Bedienung.

Was fehlt: Eine Führung, die KI-Zugang nicht als Holschuld behandelt, sondern als Bringschuld.

Die falsche Abzweigung.

Ein Mitarbeiter baut einen KI-Bot, der Daten bereinigt, die eine andere Abteilung fehlerhaft liefert. Technisch clever. Die schnellere Lösung wäre allerdings gewesen: "Redet doch einfach miteinander", sagt sein Teamleiter. "Wenn der Vorab-Prozess saubere Daten schickt, braucht ihr gar keine KI." Die Hälfte der Use Cases, die wir sehen, ersetzt ein Gespräch, das nie stattgefunden hat.

Was fehlt: Eine Führung, die zwischenmenschliche Kommunikation repariert, bevor sie Technologie draufsetzt.

Die fehlende Zutat: Jemand hätte führen müssen.

Übrigens: Manche merken den Unterschied zur Realität nicht. Andere kennen ihn genau und lassen es trotzdem laufen. Dass jemand den Fortschritt aktiv ausbremst, hat fast immer mit Status zu tun, selten mit Können.


Drei Formate, um endlich Fahrt aufzunehmen

Was also tun, wenn du merkst, dass der Ferrari seit Monaten in seiner Garage einstaubt? Hier sind drei Formate, die in der Praxis funktioniert haben.

1️⃣ Das Awareness-Jahr.
Ein Transformationsleiter hat seiner Organisation bewusst ein ganzes Jahr nur für Awareness eingeplant. Keine KPIs, keine Pilotprojekte. Am Start schätzten sich 70 % als Anfänger ein. Am Ende des Jahres: 40 % Experten. Sein Prinzip: "Wenn wir es machen, machen wir es einmal richtig. Wir planen bewusst mehr Zeit ein und brauchen dafür nicht drei Anläufe." Klingt nach Luxus, wenn dein Vorstand Ergebnisse im nächsten Quartal sehen will. Gleichzeitig ist ein bewusstes Awareness-Jahr schneller als mehrere gescheiterte Anläufe, bei denen jedes Mal Budget und Vertrauen verbrannt werden.

2️⃣ Der 90-Minuten-Sprint.
Bei einem großen Energieunternehmen ging es ursprünglich um Post-Corona-Zusammenarbeit. Das Format: zwei Runden à 90 Minuten, anonyme Abstimmung auf einem digitalen Board und moderierte Lösungsentwicklung. Einige Teamleiter waren sich damals sehr sicher, dass ihr Team geschlossen zurück ins Büro will. Das Ergebnis zeigte das Gegenteil. Es hat sich nur niemand getraut, das offen zu sagen bzw. wurden sie vorher nicht gefragt.

Bei KI läuft dieselbe Dynamik: Führungskräfte glauben zu wissen, wo ihr Team steht. Hast du deine Annahmen bereits überprüft? Stell deinem Team Fragen, die sie anonym beantworten können, zum Beispiel: "Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie klar ist dir, wofür du KI in deiner Rolle konkret einsetzen könntest?" oder "Welche Aufgabe kostet dich am meisten Zeit und Nerven?" Gib ihnen 90 Minuten, gemeinsam Antworten zu finden.

3️⃣ Der Prozess-Röntgen.
Nimm dir eine wiederkehrende Aufgabe aus deinem Team, eine, die jede Woche Zeit frisst. Setzt euch 60 Minuten zusammen und zeichnet den Ablauf auf: Wer macht was, in welcher Reihenfolge, mit welchen Tools? Eine Führungskraft aus der Automobilindustrie hat genau das gemacht und festgestellt: Die Hälfte der Abläufe war gar nicht dokumentiert. Das ist der Startpunkt. Denn bevor du automatisierst, musst du verstehen, was du eigentlich automatisierst und ob das funktional ist. Einen kaputten Prozess zu automatisieren heißt: Du hast jetzt einen schnellen kaputten Prozess.


Welches Format wählst du?

Du brauchst für KI-Adoption kein flächendeckendes Transformationsprogramm. Starte mit einem Termin, 60 bis 90 Minuten und einer ehrlichen Bereitschaft, zuzuhören, was dein Team wirklich denkt.

Manchmal steht der Ferrari seit Monaten in der Garage. Und alles, was fehlt, ist jemand, der fragt: Wollen wir mal eine Runde drehen?

Wir sehen uns im nächsten Artikel,

Sophie von The Agile Habit

P.S. Für unsere Praxisstudie haben wir über 100 Gespräche quer durch Hierarchien und Branchen geführt. In vielen Unternehmen wird Trabi gefahren, während der neue Ferrari in der Garage verstaubt. Wie es wirklich um KI-Adoption in Deutschland steht, liest du in der Praxisstudie KI-Adoption in Deutschland 2026.

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